Neuraltherapie heute

Die Neuraltherapie nach Huneke erfolgt mit Hilfe zunächst diagnostischer und dann therapeutischer Infiltrationen bzw. Injektionen von Sympathiko-/Parasympatikolytika, in der Regel Procain. Diese Maßnahmen richten sich in Lokalität und Reihenfolge nach Hinweisen aus einer ausführlichen Anamnese, nach lokalem Untersuchungsbefund, nach den allgemeinen in den Kursen gelehrten und den persönlichen Erfahrungen des Arztes.

Unter didaktischen Gesichtspunkten unterscheiden wir die Therapie über den segmental-reflektorischen Komplex, die intravasale Neuraltherapie und die Störfeldtherapie – in der Realität vermischt sich diese Unterscheidung allerdings zumeist:

1. Die Therapie über den segmental-regulatorischen Komplex

a) Die Therapie über den Locus dolendi

b) Die Therapie über die Spinalnervensegmente

c) Die Therapie über die vegetativen Ganglien

2. Die intravasale Neuraltherapie

3. Die Störfeldtherapie

Die Therapie über den Locus dolendi

Die Therapie über den Locus dolendi wird scherzhaft auch die „Dawos-Methode“ genannt (Da wo`s wehtut). Sie erfolgt meist im Bereich des Achsenskeletts und im Bereich von Gelenkstrukturen. Nach sorgfältiger palpatorischer Erfassung der schmerzhaften sogenannten Maximalpunkte nach Head werden diese mit Procain infiltriert. Diese Punkte, nach der Amerikanerin Travell auch „Myofascial Trigger Points“ genannt, sind oft mit hochaktiven Akupunkturpunkten identisch. Wichtig ist bei der neuraltherapeutischen Umflutung dieser druckschmerzhaften Punkte, dass sie sämtlichst erfasst werden, weil sonst von nur einem nicht beachteten Punkt aus die gesamte Schmerzsymptomatik sich erneut aufschaukeln kann.

Die Therapie über die Spinalnervensegmente

Einem Körpersegment im Sinne der Segmentlehre gehören an: Dermatome, Myotome, Sklerotome, Neurotome, Angiotome und Viszerotome. Diese verschiedenen Organbereiche ein und derselben Segmentebene sind miteinander eng verschaltet. Bergsmann spricht von einem segmental-regulatorischen Komplex. Über diesen lassen sich etwa Viszerotome, sprich: innere Organe, über zugehörige Dermatome, sprich: die Haut, beeinflussen (5).

Die reflektorischen Abläufe im Zusammenhang mit einer akuten Appendizitis machen die Zusammenhänge deutlich: Das reine Eingeweidegeschehen (Viszerotom) führt via Rückenmark (Neurotom) zur reflektorischen Verspannung der dem Segment zugehörigen präperitonealen sowie retroperitonealen Muskulatur (Myotom). Dieser erhöhte Muskeltonus wiederum führt zu einem verstärkten Zug an den Muskelansätzen im Periost (Sklerotom) mit entsprechender Periostschmerzhaftigkeit. Gleichzeitig kommt es über eine Reizung sympathischer Endformationen zu einer Engerstellung der Gefäße (Angiotom) mit zunehmend verschlechterter Gewebsperfusion und zunehmender Malnutrition sowie schließlich zu einer Verquellung der über der Muskulatur gelegenen Haut und Unterhaut (Dermatom). Um das Beispiel abzurunden: Wenn man nun auf dem Mc Burneyschen Punkt zwischen Crista iliaca anterior superior und Nabel drückt, so hat man auch gleich den Headschen Maximalpunkt zu diesem Geschehen, den Schmerzauslöser – oder Trigger point nach Travell – gefunden (Zohmann, 56).

Die Therapie über die vegetativen Ganglien

Die Neuraltherapie unter Verwendung übergeordneter Strukturen des vegetativen Nervensystems zeigt, in welcher Hinsicht die Neuraltherapie nach Huneke allen sonstigen Verfahren der Segmenttherapie über Dermatome, Myotome oder Sklerotome überlegen ist. Die Neuraltherapie ist eben nicht nur auf die Beeinflussung oberflächlich erreichbarer Strukturen beschränkt, sie vermag mit Hilfe einer ausgefeilten Injektionstechnik vegetative Strukturen, insbesondere die großen vegetativen Kopf- und Körperganglien (3, 15) auch in der Tiefe fast überall direkt zu erreichen: Das Ganglion coeliacum, das Ganglion stellatum, das Ganglion cervicale superius, das Ganglion pterygopalatinum usw.

Die Intravasale Neuraltherapie

Die intravasale Neuraltherapie, d. h. die intravenöse Applikation kleiner Mengen reines Procains, seit Huneke und Leriche millionenfach angewendet, entspricht in ihrer Wirkung der „Endoanästhesie“ nach Zipf (55). Zipf war in den 1969er Jahren Direktor des Pharmakologischen Instituts der Universität Köln und machte, in Zusammenarbeit mit Eichholtz, Professor für Pharmakologie in Heidelberg, und Muschaweck, Farbwerke HOECHST, die Untersuchungen zu der von ihm so genannten endoanästhetischen Wirkung von Procain zu einem Forschungsschwerpunkt seines Instituts (39).

Bei der intravasalen Neuraltherapie wird eine große Anzahl von Endorganen beeinflusst, die mit der Wirkqualität Lokalanästhesie nichts zu tun haben, z. B. die Lungendehnungsrezeptoren, die Gefäßrezeptoren von Aorta und Arteria pulmonalis, die Mechano- und Chemorezeptoren des Carotissinus, die Herzrezeptoren, quergestreifte und glatte Muskulatur und nicht zuletzt: das limbische System des Gehirns, sozusagen das Gehirn des Vegetativums, nämlich der Mittler zwischen Großhirnrinde und Hypothalamus, das morphologische Substrat der Psychosomatik (48): Hier scheint ein wichtiger Angriffspunkt der in der Neuraltherapie nach Huneke üblichen intravenösen Procain-Injektion zu liegen (36).

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