Historie

1884 entdeckte Karl Koller, der von Sigmund Freud auf die anästhesierende Wirkung von Kokain an der Mundschleimhaut aufmerksam gemacht wurde, die anästhesierende Wirkung des Kokains am Auge. 1892 entwickelte Schleich die Infiltrationsanästhesie mit Kokainlösungen. 1904 synthetisierte Einhorn das Procain, das 1905 von Hoechst als Novocain auf den Markt gebracht wurde. Damit konnte die nebenwirkungs- und zwischenfallsreiche Kokainanästhesie durch ein Pharmakon von hoher Verträglichkeit, hoher therapeutischer Breite und ohne jedes Suchtpotenzial ersetzt werden.

Die „Heilwirkung“

Schon 1892 wies Schleich auf eine zweite, eine unmittelbar nichtlokalanästhetische Eigenschaft seiner Kokainlösungen (sog. Schleich`sche Lösungen) hin. Er fand, dass verschiedenste rheumatische Beschwerden nach lokaler Infiltration von Lokalanästhetika nicht nur sofort und kurzzeitig verschwanden, sondern gelegentlich gar nicht oder nur in sehr verminderter Form wiederkehrten (49). Der Frankfurter Hals-Nasen-Ohren-Arzt Spiess beobachtete nach operativen Eingriffen in seinem Fachgebiet, dass durch „Anwendung von Cocain, Orthoform und anderen Anästheticis“ in der Nachbehandlungsperiode „in bisher unbekannter Kürze Heilung eintrat“. 1902 veröffentlichte er im Zentralblatt für Innere Medizin die wegweisende Mitteilung „Die Heilwirkung der Anästhetika“ (51).

1925 entdeckten die Brüder Ferdinand und Walter Huneke – diesmal unter Verwendung von Procain und ohne Kenntnis der Arbeiten von Schleich und Spiess – die Heilwirkung von Lokalanästhetika von neuem (27).Sie führten die intra- und paravenöse Procain-Therapie ein und untersuchten, bei welchen Krankheiten diese neue Therapieform in Verbindung mit intracutanen und intramuskulären Procain-Infiltrationen anwendbar ist.

„Das unblutige Messer der Chirurgen“

Zu einem weiteren wichtigen Schrittmacher in der therapeutischen Anwendung von Procain in seiner Zweitwirkung wurde der berühmte Pariser Sympathikuschirurg Leriche. Er hatte 1916 die Stellektomie bei schweren Fällen von M. Raynaud eingeführt und fand am Beispiel des Ganglion stellatum, dass sympathikuschirurgische Eingriffe durch wiederholte Infiltrationen mit Procain ersetzbar wurden. Leriche fand ferner, dass mit Procain umflutete Frakturstellen erheblich schneller und komplikationsloser heilten als ohne diese Therapie. Er bezeichnete deshalb die therapeutische Anwendung von Procain als das „unblutige Messer der Chirurgen“ (35). Fontaine konnte 1927 im Tierexperiment vasomotorisch-trophische Störungen nach Verstauchungen mit Hilfe von Procain unterdrücken (11).

Das Sekundenphänomen

Im Jahre 1934 beobachtete Leriche das Verschwinden von Schmerzzuständen nach Infiltration von Operationsnarben im selben Augenblick. Er sprach vom Effekt „dans un clin d`oeil“, dem Augenblicksphänomen, sechs Jahre bevor Ferdinand Huneke sein „Sekundenphänomen“ entdeckte (26). All die vorstehend genannten Beobachtungen finden ihre Erklärungen nicht in der lokalanästhetischen Wirkung von Procain, sondern in der mit viel niedrigeren Gewbskonzentrationen erzielbaren Unterbrechung der Impulsfehlleistungen des vegetativen Systems.

Fast vierzig Jahre lang beschäftigten sich die beiden Brüder Ferdinand und Walter Huneke als praktische Ärzte intensiv mit der therapeutischen Nutzung des Procains. Ihr Engagement, ihre extensive Anwendung von Procain in ihren Praxen, ihre Beobachtungsgabe und ihre detaillierten Kasuistiken führten dazu, dass im Laufe der weiteren Jahrzehnte die therapeutische Nutzung von Procain auch und gerade zur Behandlung von Nichtschmerzerkrankungen systematisiert und zu einem umfassenden Therapiekonzept entwickelt wurde (24).

Impletol

1927 führte Bayer-Leverkusen, auf Anregung von Ferdinand Huneke, das Präparat Impletol ein, enthaltend Procain 2% + 1,42 % Coffein. Man hielt Procain damals noch für sehr giftig. Ziel dieser Mischung war es, die Giftigkeit von Procain zu mindern, ein großer Irrtum: 3 Jahrzehnte später wies Zipf nach, dass Coffein die Giftigkeit von Procain nicht nur nicht herabsetzt, sondern sogar verstärkt.

Die meisten der im Laufe der Zeit dem Procain angelasteten Zwischenfälle und unerwünschten Arzneimittelreaktionen dürften auf diese unsinnige fixe Kombination mit Coffein bei der hohen Procainkonzentration von 2 % zurückzuführen sein. Auch die heute absolut kontraindizierte Mischung mit Adrenalin, das selbst eine hohe Toxizität besitzt, dazu noch in unsinnig hohen Dosen, hat dem Ruf von Procain fälschlich schwer geschadet.

Die französische Schule

In Frankreich war es vor allem die Schule von Leriche (35) und Fontaine (11) in Straßburg, welche die Anwendung von Procain zu Heilzwecken, zu nichtanästhesiologischen Zwecken vorantrieb. Auf diese beiden Franzosen bezieht sich der bekannte amerikanische Schmerztherapeut Bonica, der 1953 sein Buch „Management of Pain“ veröffentlichte und zum Vater der dann wieder nach Europa zurückschwappenden Schmerztherapie der Anästhesiologen wurde (6). Auch die Amerikanerin Travell mit ihrem „Trigger Point Manual“ fußt – allerdings ohne dies auch nur mit einem Wort anzugeben – auf altem Gedankengut der deutschen und der französischen Schule (52).

Die deutsche Schule

„Neuraltherapie nach Huneke“ ist ein Begriff, der 1940 von dem Berliner Arzt v. Roques in einem Aufsatz in der Münchener Medizinischen Wochenschrift geprägt wurde (46) und der damals wie heute geeignet erscheint, Begriffe wie Segmenttherapie nach Kibler (33), Heilanästhesie nach Huneke, Therapeutische Lokalanästhesie nach Gross (14) und Störfeldtherapie zusammenzufassen.

Über diese Begriffe und ihre Abgrenzung wird bis heute viel diskutiert. So ist der Begriff „Therapeutische Lokalanästhesie“ irreführend, denn auch Gross, der diesen Begriff eingeführt hat, um sich von Huneke, dessen Schüler er war, abzugrenzen, meint nicht „Lokalanästhesie im eigentlichen Wortsinn, sondern in Wirklichkeit eben jene Wirkungen der Lokalanästhetika, die über die pharmakologisch-lokalanästhetischen Effekte schon rein zeitlich hinausgehen.

„Therapeutische Lokalanästhesie“, so wie der Begriff heute verwendet wird, klammert das Störfeldkonzept aus, auch wenn Gross, der „Erfinder“ des Begriffes, die Störfeldsuche und –therapie durchaus einschloss. Er nannte das Störfeld „Irritations-Zentrum“.

Die Lehrstuhlinhaber Nonnenbruch (40) und Hoff (22) – Hoff war damals Ordinarius für Innere Medizin in Frankfurt am Main – wie auch Goecke (Ordinarius für Frauenheilkunde in Münster) benutzten in den 1950er und 1960er Jahren den Begriff „Neuraltherapie“ ganz allgemein als Synonym für alle Verfahren, die unter Benutzung des vegetativen Nervensystems therapeutischen Einfluss nahmen: Neben allen Verfahren der Segmenttherapie, der Therapie über die Headschen Zonen, wie Massagen, Einreibungen, Hydrotherapie, Akupunktur und Bestrahlungen, rechneten sie selbst die so genannte Schlaftherapie (meist mit Barbituraten) dazu.

Dosch hat dann 1964 mit seinem Lehrbuch der Neuraltherapie, das 1995 in der 14. Auflage erschien, das Konzept der Neuraltherapie nach Huneke ausführlich zusammengefasst und 1974 die Schriftenreihe „Freudenstädter Vorträge“ begründet (der 16. Band erschien 2002). Ihm folgte Barop 1996 mit einem umfangreichen Lehrbuch, das insbesondere die anatomischen und neurophysiologischen Grundlagen der Neuraltherapie herausarbeitete (1), und schließlich der Schweizer Fischer mit einem weiteren Buch über die Neuraltherapie nach Huneke (9) unter Berücksichtigung von Aspekten der modernen Physik (Quantenphysik, Chaostheorie).

In Österreich waren es vor allem O. Bergsmann und F. Hopfer, die die Neuraltherapie in Forschung und Lehre voranbrachten, in den neuen Bundesländern H. Becke und R. Wander.

Zu nennen sind weiter die Monographien von W. Braeucker (), H. Iskraut (), H. Siegen (), E.Mink (), H. Piotrowski (), H. Göbel(), K. D. Weber () und schließlich J. D. Hahn-Godeffroy (), ferner die von J. Badtke () und I. Mudra () sowie H. E. Voß() herausgegebenen Übersichtswerke.

Im Jahr 2002 erhielt L. Fischer die Professur für Neuraltherapie an der Universität Bern.

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